Kolumne 01: Shopping ist (k)ein Segen

Liebes Pfefferstielzchen Volk!
Kennt ihr das? Ihr wacht morgens auf, das Sonnenlicht scheint fröhlich durch das geöffnete Fenster  und als erster Gedanke kommt euch in den Sinn, dass heute etwas Tolles passieren wird? Man ist wie elektrisiert, ja fast euphorisch (und das zu so früher Stunde, ohne überhaupt an einer Tasse Kaffee auch nur geschnuppert zu haben), schmeißt sich voll morgendlicher Energie in den neuen geblümten Frotteebademantel und stürmt los, um den Tag mit einem lauten „Willkommen!“ zu begrüßen!?

Ja, so geht es mir seit heute morgen. Und warum? Weil endlich meine Lieferung mit den süßen  Vogelstempeln eintreffen soll. Seit Wochen warte ich darauf (na ja, gut, eigentlich erst seit zwei Tagen, aber es kommt mir einfach so ewig vor) und heute wird es so weit sein.

Hmm, wenn ich nur wüsste, wann genau das Paket geliefert wird… Ach egal, ich springe noch mal schnell los, um diesen entzückenden Rot-Ton für meinen Hausanstrich zu besorgen, dieses himmelblau, das ich an der Wand habe, seit mir das kiwigrün zu langweilig geworden ist, hat langsam aber sicher ausgedient! Schließlich soll jeder Besucher sofort sehen können, dass er es mit einer wahren Style-Queen zu tun hat! Bin ja schnell wieder da!

Später.

Verdammter Mist, ich hab´s geahnt: Bin kaum zurück und möchte fröhlich den kleinen Weg zu meinem Häuschen hinaufgehen, als sich direkt mein werter Herr Nachbar vor mir aufbaut. Kaum dass er mich mit meinen Farbeimern vorbei laufen sah, schoss er aus seiner verspiegelten Burg heraus, schüttelte einmal wütend sein güldenes Haar, dass die Locken nur so flogen, und knallte mir ein Paket vor die Füße.

„Fräulein Pfefferstielzchen“ blaffte er so entrüstet, dass ich mich unwillkürlich fragte, ob seine Halsschlagader nicht den engen rosa Kragen seines Polohemdes sprengen würde, „sagen Sie mir bitte, was Sie denken, was ich den ganzen langen Tag so tue?“ Achtung, Fangfrage! Ich gab mich betont entspannt, gar kein Problem für mich, so grundsätzlich, meine ich. „Ach, Herr Oberon“ flötete ich und beglückwünschte mich im Stillen für die Entscheidung, mein neues Erdbeer-Lipgloss aufgetragen zu haben, „ich denke, Sie werden…ähh….schon irgendetwas tun!“ Ha, dich habe ich! „Ganz richtig, werte Frau Nachbarin, ich tue immer irgendetwas! Also, etwas Wesentliches…mit Sinn und…Sie wissen schon…Auf jeden Fall…“ und hier stapfte er mit seinen Wildleder-Mokassins auf den Boden, dass das Moos nur so spritzte, „bin ich nicht dafür zuständig, jeden Tag aufs Neue Ihre Pakete in Empfang zu nehmen! Mir reicht es! Haben Sie nicht sowieso schon genug Kram? Ständig dieses neue Zeug, was machen Sie denn mit dem Alten? Ist nicht langsam alles voll? Schmeißen Sie denn nie etwas weg? Ich sehe Sie immer nur herbei- aber nie herausschaffen!“

Ui, voll ins Schwarze. Ich murmelte eine kleinlaute Entschuldigung und gelobte Besserung, von wegen Nachbarschaftsfriede und so. Dann nahm ich mir meine wirklich süßen Vogelstempel (es hat sich gelohnt!) und schlich leise ins Haus.

Irgendwie ist es nun mit meinem Schwung vorbei für heute, denn das, was Herr Oberon gesagt hat, spukt mir wie wild im Kopf herum. Könnte es sein, dass er tatsächlich Recht hat, mit seiner Vermutung, dass ich mich nicht trennen kann? Wenn ich mich nun in meinem Wohnraum so umschaue, muss ich eines zugeben: Ich horte wirklich alles. Meine Regale, Schränke und Kommoden sind kunterbunt gefüllt mit kleinen Dosen und Schüsselchen, karierten und gepunkteten Tassen, nostalgischen Bilderrahmen und selbstgenähten Taschen, überall Pinnwände mit Fotos dran, dann noch einmal Pinnwände mit Postkarten, Kerzenständer, Teelichthalter, Figürchen, Erinnerungen in jeglicher Form…

Sollte dieser so konservative Herr Oberon etwa ein wahres Wort gesprochen haben? Muss ich versuchen, die Dinge nicht mehr festzuhalten, sondern loszulassen? Warum brauche ich all dieses Zeug um mich herum? Fehlt mir vielleicht etwas Wesentliches in meinem Leben, etwas, das ich versuche auszugleichen, indem ich diese Lücke mit materiellen Schätzen (das muss man doch nun wirklich zugeben!) fülle?

Habe schnell den Karton mit den klugen Sinnsprüchen durchwühlt und bin auf diese buddhistische Weisheit gestoßen: „Nur wer loslässt, hat zwei Hände frei.“ Gar nicht so dumm, diese Buddhisten (auch wenn ich mich immer noch frage, ob diese Frisuren wirklich sein müssen…aber das kann an anderer Stelle mal diskutiert werden). Aber was heißt das für mich?

Würde ich all das loslassen, was um mich herum in friedlicher Eintracht liegt, steht, in Kisten verpackt vor sich hinschlummert oder stolz in einem Regal präsentiert wird, hätte ich zwar zwei Hände frei – diese würden aber ins Leere greifen. Denn das ist es doch, was mich ausmacht: Freude daran zu haben, mich mit schönen Dingen zu umgeben! Gibt es etwas Schöneres und Persönlicheres, als Gegenstände, die zuerst einmal leblos sind, mit Bedeutung zu füllen und sich so an wunderbare Ereignisse und Begegnungen zu erinnern?

Platz zu schaffen ist eine sehr gute und wichtige Sache, um den Wohnraum zu klären und oftmals auch das Hirn, aber ich will mich nicht selbst komplett auflösen in diesem ganzen Prozess des Loslassens.

Denn sonst wäre ich nicht mehr

Euer Fräulein Pfefferstielzchen

PS: Ich überlege grade, dass es eine gute Idee wäre, für Herrn Oberon beim nächsten Mal einfach eine kleine Überraschung mitzubestellen…

 


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>